Aufs Wort Geschaut: Volk
Der Ausgangspunkt meines Interesses des war eigentlich das Wort Folklore 1 , aber der Teil "-lore" bedeutet wenig überraschend schlicht "Lehre" und die Wortkombination mit Volk ist zudem neueren Datums. Schauen wir also auf das Wort Volk. Anhängern "völkischer Gedanken" werden die Ausführungen der Sprachwissenschaftler nicht unbedingt schmecken, und meine eigenen Gedanken dazu werden es kaum besser schmecken lassen.
Wie meist, wenn ich Worte nachschlage, um diese besser kennen zu lernen, verwende ich auch diesmal das englische Wiktionary, auch wenn mir dies einmal eine umfangreiche Korrektur einhandelte 2 . Der Fehler lag damals nicht beim Nachschlagewerk, sondern bei mir, kein Grund also das Nachschlagewerk zu wechseln.
Heute wird das Wort "Volk" synonym mit "Leute", "Nation", "Rasse" oder im Englischen auch mit "tribe" verwendet, für eine Gruppe von Menschen, die eine gemeinsame Kultur, Geschichte, Abstammung und/oder Sprache verbindet.
Es wird auch auf "gewöhnliche Leute" angewendet, also im Sinne "unterer Klasse" und "Arbeiterklasse", oder es kann auch schlicht eine größere Versammlung von Leuten meinen.
Es wird auch in der Biologie angewendet, z.B. um auf Ameisen- oder Bienenvölker hinzuweisen.
Welche dieser verschiedenen heutigen Anwendungen ist in der Wortherkunft begründet, und bei welchen handelt es sich um heute allgemein akzeptierte Missverständnisse?
Als Herkunft des Wortes erläutert das Wiktionary, Zitat (Übersetzt):
Von Mittelhochdeutsch "volc", von Althochdeutsch "folc", von Proto-Westdeutsch "*folk", von Proto-Deutsch "*fulką".
Vergleiche mit Niederländisch "volk", Englisch "folk", Schwedisch "folk", Norwegisch-Bokmål "folk", Norwegisch-Nynorsk "folk", Isländisch "fólk" und Dänisch "folk". Doublette von "Pulk".
Zitat Ende
Das Wort "Pulk" ist kaum in Verwendung, daher hier sei hier kurz auf die Phrase "ein Pulk von Leuten" hingewiesen. Eine Doublette liegt vor, wenn zwei in der Aussprache ähnliche Worte der gleichen Herkunft vorliegen.
Der Präfix "Proto-" wird für eine Sprache verwendet, wenn keine Schriftzeugnisse für diese vorliegen und sie daher auf vergleichenden Rekonstruktionen beruht. Anders ausgedrückt: Dieser Teil der Sprachforschungsergebnisse ist kein gesichertes Wissen, sondern Teils mehr Teils weniger gut begründete Spekulation.
Das ist noch nicht sehr aufschlussreich. Der Begriff scheint früh in ganz Nord- und Mitteleuropa verbreitet zu sein, und außer leicht unterschiedlicher Schreibweisen keine wirkliche Veränderung erfahren zu haben. Folgt man den Links zum Mittelhochdeutschen und Althochdeutschen, so landet man auf Seiten, die den Begriff in jeweils anderen Sprachen behandeln. Bei den beiden Varianten des Norwegischen handelt es sich lediglich um zwei konkurrierende Rechtschreibungen, die beide in Gebrauch sind, sich aber beim Begriff "folk" nicht unterscheiden.
Wollen wir nicht sofort in die Abgründe der Rekonstruktionen abschweifen, so müssen wir uns über Umwege voran tasten.
Für das katalanische Wort "folc" wird die Bedeutung "Herde" angegeben, und das gleiche Wort im Altenglischen weist die Nebenbedeutung "Militär", "Armee", "Truppe" auf, eine Nebenbedeutung, die auch für das Altniederländisch bezeugt wird 3 .
Das isländische "fólk" 4 soll dem Altnordischen "folk" 5 entstammen, und dort schafft es die Nebenbedeutung "Truppe", "Armee" zur Hauptbedeutung auf Platz 1, mit der zusätzlichen Notiz, dass diese Bedeutung die entscheidend ältere und die einzige in frühesten Dichtungen sei, in denen die Worte "þjóð" 6 und "lýðir" 7 für "Leute" verwendet wurde. Ein näherer Blick verrät, dass" þjóð" die Bedeutung von "Stamm" hat, während "lýðir" "Leute" meint und sich mit diesem deutschen Wort eine gemeinsame Herkunft teilt.
Hier wird es schon ein wenig interessanter, vor allem wenn wir kurz darüber nachdenken, welche Bedeutung sich in den frühesten Dichtungen nicht findet, nämlich "Clan", "Kunni", "Gen" oder "Tribe", mit denen ich mich in meinem Artikel zum Thema Familie befasste 8 . Abstammung scheint in der ursprünglichen Wortbedeutung von "Volk" keinerlei Rolle zu spielen.
Tja, liebe völkisch Gesinnte, es tut mir leid, euch solch schlechte Nachricht überbringen zu müssen, aber da müsst ihr halt durch.
Schaue ich auf das gemeinsame des katalanischen Begriffes für "Herde" und des altnordischen Begriffes für "Armee"/"Truppe", so liegt dieser darin, das beide "folgen". Das Heer folgt dem Heerführer, dessen Job den Namen "Herzog" inspirierte, da er vor dem Heer herzog, und die Herde folgt dem Leittier.
Ist die sprachliche Ähnlichkeit zwischen Volk und folgen nur ein Zufall?
Tauchen wir jetzt doch in die Sprachrekonstruktionen ein, so finden wir im Proto-Germanischen "fulką" 9 weiter die Ansammlung von Menschen und die Armee als Bedeutungen. Aber auch auf dieser Seite wird darauf hingewiesen, dass die militärische Bedeutung des Begriffes die ältere ist. Der erste Teil des Wortes wird weiter auf proto-indoeuropäisch "*pleh₁" mit der Bedeutung "füllen" zurück geführt.
Der Begriff "folgen" wird mit erklärter Unsicherheit letztlich auf Proto-Germanisch "fulgāną" 10 zurück geführt, zusammen gesetzt aus den Begriffen für "Voll" und "gehen".
Die Verwandtschaft zwischen "Voll" und "füllen" ist offensichtlich, und "Gehen" war zu früheren Zeiten eine Hauptbeschäftigung von Heeren, die wenigsten hatten Pferde oder Wagen zur Verfügung. Warum die proto-germanische Silbe "ful" einmal auf "Voll" und einmal auf "füllen" zurückgeführt wird, bleibt das Geheimnis der Sprachwissenschaftler. Auf jeden Fall sind wir in beiden Fällen letztlich in "voller" Zahl unterwegs. Sowohl beim Volk als auch beim Folgen wird niemand zurück gelassen.
Ich lehne mich nun also als Laie ein wenig aus dem Fenster und postuliere einen sprachlichen Zusammenhang zwischen "Volk" und "folgen", den ich im attestierten frühen und im katalanischen heutigen, sowie dem rekonstruierten Sprachgebrauch erkenne.
Unter dem Vorbehalt möglichen Irrtums können wir damit sprachlich zwischen den Begriffen "Nation", "Staat" und "Volk" unterscheiden.
In eine Nation wird man hinein geboren. Wie viele Generationen die Vorfahren dafür im gleichen Umfeld gelebt haben müssen, ist ein beliebter Zankapfel. Ich persönlich tendiere zur nullten Generation.
Ein Staat entsteht, wenn Menschen zusammen stehen, um einander bei- und füreinander einzustehen, wie ich bereits in einem früheren Artikel darlegte. 11
Ein Volk entsteht, wenn Menschen sich zu einer (militärisch geführten) Gefolgschaft zusammen finden. Das Verb "entstehen" passt hier aber nicht wirklich, denn "Stehen" ist doch etwas anderes als "Gehen". Wir brauchten hier ein anderes Verb, z.B. "verwandeln", denn "wandeln" ist ja ein synonym für "gehen". Daher leicht verbessert: Wenn Menschen sich zu einer (militärisch geführten) Gefolgschaft zusammen finden, verwandeln sie sich in ein Volk.
Ein prominentes Beispiel hierfür, das sprachlich deutlich ist, ist das Volk der Alemannen, von dem bekannt ist, dass es ein Zusammenschluss verschiedener Stämme war, unter anderem der Sueben, den heutigen Schwaben, die große Teile des Südens des heutigen Deutschlands einnahmen.
Vielleicht war der Schriftzug "Dem Deutschen Volke" am Reichstagsgebäude eine schlechte Wahl. Es dauerte nicht lang, da hieß es sprachlich korrekt "Ein Volk, ein Führer", ganz im Sinne der analysierten Wortherkunft.
Die Begriffe "Staat" und "Nation" sind mir da doch deutlich lieber, obwohl sogenannte Nationalisten letzterem Begriff stark geschadet haben. Aber auch jene, welche immer einmal wieder "Wir sind das Volk" skandieren, sollten noch einmal darüber nachdenken, was genau sie da rufen.
Wie lässt sich nun der Begriff "Entvölkerung" verstehen? Im Deutschen signalisiert die Vorsilbe "ent-":
- das Entfernen von etwas
- eine Umkehr ins Gegenteil
- den Anfang von etwas
Der Hauptbedeutung folgend und nach heutigem Verständnis des Wortes "Volk", ist es das Entfernen von Völkern, also gleich mehrfacher Genozid. In der ältesten verbürgten Bedeutung des Wortes "Volk" wird daraus das Entfernen aller Truppen. Das klingt deutlich weniger martialisch, und könnte im optimistischsten Fall, wenn es friedlich geschieht, als Abrüstung gedeutet werden.
Sollten Sie sich über diese optimistische Interpretation entrüsten, so trifft bei letzterem Wort wohl die dritte Bedeutung der Vorsilbe "ent-" zu, also der Anfang des Rüstens und nicht das Entfernen der Rüstung.
Über die Feststellung im Grundgesetz "Alle Macht geht vom Volke aus" müssten wir nun auch noch einmal neu nachdenken, wenn sich dieses dadurch definiert, dass es in militärischer Disziplin folgt.
Selbstverständlich müssen wir stets bedenken, dass das allgemeine Verständnis der Worte heute von der Herkunftsbedeutung abweicht, und diese zudem mit Unsicherheiten behaftet ist. Es schadet nichts, diese zu beleuchten und im Hinterkopf zu haben, wenn man seine Wortwahl trifft. Unsere Mitmenschen sollen uns aber weiterhin verstehen können.
An meiner Empfehlung, das eigene Gehirn einzuschalten und nicht einfach nur anderen zu folgen, ändert dieser Ausflug in die Herkunftsbedeutung des Wortes "Volk" nichts. Reihen Sie sich nicht in blindem Vertrauen in die Herde ein, es könnte sein, dass diese auf dem Weg zur Schlachtbank ist.
Erkenntnisse haben meistens vorläufigen Charakter und sind immer individueller Natur . Sie selbst entscheiden, ob Sie Erkenntnisse anderer als Meinung übernehmen oder ob Sie sich Erkenntnisse selbst erarbeiten. Meine Quellenangaben sollen Ihnen bei letzterem eine Hilfestellung geben, Sie sollten aber immer auch weitere Quellen verwenden.
Glauben Sie nicht, auch nicht mir, sondern prüfen Sie und schlussfolgern Sie selbst.
Fußnoten
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Aufs Wort Geschaut - Was ist Desinformation? ; Frank Siebert; Idee; 2024-11-05 ↑
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Icelandic: fólk ; English Wiktionary ↑
-
Old Norse: folk ; English Wiktionary ↑
-
Aufs Wort Geschaut: Familie ; Frank Siebert; Idee; 2022-12-02 ↑
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Warum bzw. wozu bilden wir einen Staat und was folgt daraus? ; Frank Siebert; idee; 2025-10-15 ↑