Aufs Word Geschaut: Behörde
Wir gehen aufs Amt und meinen damit, wir gehen auf die Dienststelle. Das Amt meint die Dienststelle, was zum Beispiel das Amt des Kanzlers sein kann, oder auch das Kanzleramt. Letzteres besuchen wir selten, meist gehen wir zu anderen Ämtern, Behörden eben. Aber was genau bedeutet das? Was verbirgt sich hinter dem Begriff Behörde?
Zusammen gesetzt ist dieses Wort aus den Silben "Be-", "hör" und "-de", und jede dieser drei Silben ist ein Baustein in der Wortbedeutung. Nehmen wir den einfachsten Teil zuerst. Die Silbe "hör" wurde dem Verb hören entlehnt.
Hört eine Behörde also? Oder ist sie hörig? Heißt sie so, weil sie gehorchen muss? Oder horcht sie gar die Bürger aus?
Nun, letzteres soll ja durchaus geschehen, wenn wir an Nachrichtendienste denken, und auch Polizeidienste erhalten mehr und mehr Befugnisse in privateste Bereiche des Lebens einzudringen. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass hierin die Begründung des Begriffes Behörde zu finden ist.
Hier in Deutschland sind Behörden weisungsgebunden, sie müssen also auf ihren Dienstherren in der Exekutive hören. Aber auch dies muss nicht der Grundgedanke der Wortschöpfung sein, sonst würde den Beamten in den Behörden nicht die Pflicht der Remonstration auferlegt werden. Eine Pflicht, der leider die wenigsten nachkamen, als es während der COVID-19-Operation nötig gewesen wäre. Die gute Nachricht an all jene, die ihre Pflicht versäumten: Es ist noch Zeit sie zu erfüllen, denn die Schleifung unseres Rechtssystems geht ja weiter.
Doch zurück zu dem Begriff Behörde. Schauen wir uns an, was das Wiktionary dazu mitzuteilen hat.
Zitat (Übersetzt) 1 :
Abgeleitet vom niederdeutschen und mittelniederdeutschen Verb behören, für das im Hochdeutschen üblicherweise gehören verwendet wird. Der Sinn ist "verantwortliche Institution".
Zitat Ende
Das ist leider sehr kurz und knapp geraten, und vor allem, wenn wir die mittelniederdeutsche Verwendung der Vorsilbe "be-" nachschlagen 2 , finden wir keine Überschneidungen mit der hochdeutschen Vorsilbe "ge-" 3 . Der Eintrag zur mittelhochdeutschen Vorsilbe "be-" listet 3 Bedeutungen auf, die mir bei näherer Betrachtung alle in der ersten Bedeutung bereits enthalten zu sein scheinen.
Zitat (Übersetzt):
Macht ein nicht transitives Verb zu einem transitiven Verb, oder teilt mit, dass die Aktion auf etwas abzielt oder von etwas begleitet wird.
- vallen [...] -> bevallen [...]
- singen [...] -> besingen [...]
Zitat Ende
Beide gegebenen Beispiele zielen auf etwas ab, das Besingen auf das Besungene, und das Befallen auf das Befallene. Warum "von etwas begleitet" extra aufgeführt wird, erschließt sich mir nicht, denn auch das Begleitende zielt auf das Begleitete ab.
Ein Verb ist nicht transitiv, wenn es ohne weitere Ausführungen verwendet werden kann. Zum Beispiel: Ich singe. Die Vorsilbe "be" macht es transitiv, denn sobald ich "besinge", ist die Aussage unvollständig, solange ich verschweige, dass ich des Glockengießers Arbeit besinge, also "Die Glocke" von Schiller singend rezitiere.
Heute werden auch Adjektive mit der Vorsilbe "be-" gebildet. Menschen, die viel lesen, werden zu belesenen Menschen. Das Wiktionary erwähnt diese Verwendung nicht.
Immerhin teilen uns diese Erläuterungen zur Vorsilbe mit, dass das Verb hören durch die Vorsilbe "be-" transitiv wird, und die Tätigkeit daher auf ein Objekt oder auch Subjekt abzielen sollte, das in dem Begriff Behörde aber ungenannt bleibt.
Wählen wir also ein weiteres Wörterbuch, um mehr über das Wort "behören" zu erfahren. Ich habe nach einigem Suchen die Ausführungen in "Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm" erhellend zu der Frage gefunden, auf was das Behören abzielen könnte.
Zitat 4 :
- convenire, pertinere: wie sichs behört (gehört). Michael Stifel 114.
- causam cognoscere, verhören: so ein untersasz wider die herschaft anspruch zu haben vermeinet, musz solches von räthen aus der landschaft gütlich behöret werden. Micrälius 4, 128.
- recitantem audire, überhören: ich will dich einmal behören. [...]
Zitat Ende
Den Teil mit der Konfirmation in der Schweiz habe ich ausgelassen, da ich mir darauf wirklich keinen Reim machen kann.
Aber der erste Hinweis dieses Wörterbuches erklärt, warum im Wiktionary "behört" schlicht mit "gehört" gleich gesetzt wird. "Wie es sich gehört." "Wie sichs behört."
Die davor gesetzten Begriffe "convenire" und "partinere" erläutern das Subjekt des "Behörens", denn "convenire" meint in etwa "Konvention" und "pertinere", die aktive Gegenwartsform des Infinitiv von "pertineō", ist als "passend" oder "angemessen" zu verstehen.
Wer sich verhält wie es sich behört, der hört auf das, was passend, angemessen und Konvention ist. Konvention ließe sich wörtlich als Zusammenkommung, Zusammenkunft übersetzen, und meint im Deutschen das, worauf sich die Gemeinschaft explizit oder durch Gewohnheit geeinigt hat. 5 Im Englischen ist das Wort convention auch weiterhin in seiner wörtlichen Bedeutung in Verwendung.
Die Verwendung im zweiten Teil, "muss solches von den Räthen aus der Landschaft gütlich behöret werden", zeigt recht klar die Verwendung des Wortes in einem Streitfall. Das Anliegen muss im Streitfall von einem Rat angehört werden.
Hervorheben will ich, dass hier mit Landschaft offensichtlich die Menschen des Landes gemeint sind. Ob das Wort damals auch schon im heutigen Sinne verwendet wurde, ist eine spannende Frage, deren Antwort ich nicht kenne.
Da wir heute noch mit dem Begriff "Gemeinde" sowohl die Menschen als auch die von diesen Menschen in Anspruch genommene geographische Fläche meinen können, liegt es nahe zu vermuten, dass dies damals auch bei dem Begriff Landschaft der Fall gewesen sein könnte. Und mit dem Begriff Staat ist es ja ebenfalls genauso, meint dieser doch ebenfalls in erster Linie die Menschen und erst in zweiter Linie das Land.
In der dritten Verwendung, erläutert mit "recitantem audire", ist das "Behören" das Abhören einer Rezitation erlernten Wissens oder auch erlernter Geschichten oder Gedichte. Dies kann als Lernunterstützung oder als Prüfung erfolgen.
Wir sehen, "behören" ist mitnichten einfach mit "gehören" gleich zu setzen, wie dies im Wiktionary gemacht wurde.
Die Beispiele geben uns ein Gespür dafür, wen oder was eine Behörde behören soll. Sicherlich, davon ist auszugehen, die guten Sitten, das, was sich gehört, aber auch die Anliegen, mit denen sich Bürger an die jeweiligen Dienststellen wenden.
Das macht aus unseren Beamten, die behören, Behörende, so wie Menschen die rennen, Rennende sind, oder die lesen Lesende. Die Endung "-de" findet auch Verwendung in Ortsbezeichnungen. Das Beispiel der Gemeinde habe ich ja gerade erst aufgeführt. Genauso könnte daher "die Behörende" als Ortsbezeichnung verstanden werden. Dafür, dass der Ort stattdessen Behörde genannt wird, habe ich keine Erklärung, ausser der Vermutung, dass dies schlicht leichter über die Lippen geht.
"Carl Theodor von Gottes Gnaden Pfalzgraf bey Rhein" verwendete den Begriff "behörende" als Adjektiv, möglicherweise im heutigen Sinne von "behördliche".
Zitat: 6
Nachdem Uns die behörende Anzeig geschehen, daß einige Chur-Pfälzische halbe Conventions-Thaler vom Jahr 1765. dergestalten beschnitten, daß solche merklich kleiner als die andere, und um 27. Asse zu leicht befunden worden [..].
Zitat Ende
Wir kennen als Ableitung von Laufen nicht nur "der Laufende", sondern auch "der laufende Schwachsinn", ja instinktiv warten wir nach den Worten "der Laufende" auf eine Fortsetzung, eine nähere Erläuterung, wer oder was da läuft.
Genauso wollen wir beim Hörenden wissen, wer da hört, und beim Behörenden, wegen der Vorsilbe "be-", auf wen oder was er hört. Und bei Carl Theodor hörte die Behörende auf eine Anzeige.
Bei einer Staatsbehörde können wir daher davon ausgehen, dass diese die Aufgabe hat, die Anliegen des Staates zu hören, also jene der Staatsbürgerschaft, der Bürger, die mit ihren Anliegen zur Behörde gehen.
In jedem Fall wissen wir nun: Behörden sind Orte, an denen uns Gehör geschenkt wird. Und sollten Sie einmal einen anderen Eindruck gewinnen, können Sie freundlich auf die Bedeutung der Worte "Behörde" und "Beamter" hinweisen, und dass Sie freundlichst Ihr Anliegen behört und bedient wissen möchten, wie es sich behört.
Immer achtungsvoll und auf Augenhöhe, versteht sich, denn wir alle sind Menschen und als solche steht keiner über dem anderen.
Das mit den Wortbedeutungen ist alles andere als einfach. Behören wir daher unseren Sinn für Vorsicht festzustellen:
Erkenntnisse haben meistens vorläufigen Charakter und sind immer individueller Natur . Sie selbst entscheiden, ob Sie Erkenntnisse anderer als Meinung übernehmen oder ob Sie sich Erkenntnisse selbst erarbeiten. Meine Quellenangaben sollen Ihnen bei letzterem eine Hilfestellung geben, Sie sollten aber immer auch weitere Quellen verwenden.
Glauben Sie nicht, auch nicht mir, sondern prüfen Sie und schlussfolgern Sie selbst.
Fußnoten
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German: Behörde ; English Wiktionary ↑
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Middle Low German: be- ; English Wiktionary ↑
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German: ge- ; English Wiktionary ↑
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›behören‹ in: Deutsches Wörterbuch (¹DWB) ; Jacob Grimm, Wilhelm Grim; Lfg. 6 (1853), Bd. I (1854), Sp. 1342, Z. 52; www.dwds.de ; 1853/1854 ↑
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Latin: venio ; English Wiktionary ↑
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behörende Anzeig - beschnittene Thaler ; Carl Theodor von Gottes Gnaden Pfalzgraf bey Rhein; digi.ub.uni-heidelberg.de; 1774-05-17 ↑